Wachstumskritiker Niko Paech zu Gast bei Leeraner GRÜNEN "Wer nicht Wachstum predigt, wird nicht gewählt"

Niko Paech (Bild: privat)

Die ökologische Frage sei die wichtigste Frage dieses Jahrhunderts, machte der Umweltökonom Niko Paech bei seinem Vortrag jüngst über seine Theorie der Postwachstumsökonomie deutlich. Eingeladen hatte den Oldenburger Wissenschaftler der Grüne Kreisverband.

Aus dieser wichtigen Fragen ergäbe sich ein Umdenken und Umsteuern in Arbeit, Wirtschaft und dem Zusammenleben, sagte Paech  vor rund 50 Zuhören im Leeraner Kulturspeicher. „Das Kernproblem zu Beginn des 21. Jahrhunderts lautet: Was darf sich jeder an materiellen Freiheiten nehmen, ohne sozial und ökologisch über seine Verhältnisse zu leben?“, fragte der Wachstumskritiker.

Um das in Paris vereinbarte Klimaziel zu erreichen, die Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, gehe es nicht ohne eine Reduktion des Wirtschaftswachstums. Wir produzierten auf Kosten von Mensch und Natur. Der momentane Ressourcenverbrauch und die Umweltverschmutzung gingen extrem über das hinaus, was der Planet zur Verfügung stellen könne: „Als hätten wir vier Erden“. Grüne Technologien seien zwar wichtig, könnten jedoch über die Tatsache nicht hinwegtäuschen, dass das Ende des Wirtschaftswachstums unabdingbar sei. Die Mobilität – besonders der Flugverkehr – sei dabei das größte Problem. Das Umweltbundesamt habe errechnet, dass jeder jährlich ein Kontingent von 2,5 Tonnen CO2-Abgasen habe.

Mit einem Flug nach Neuseeland produziere ein Reisender 14,5 Tonnen CO2, damit allein sei das Kontingent für sieben Jahre verbaucht. Heute stünden Erstsemester vor dem Wissenschaftler, die durch billige Flüge in die Welt schon einen viel zu großen ökologischen Fußabdruck hinterlassen hätten. „Die da oben sollen es richten, mich aber in Ruhe lassen“, würden viele denken, so der Oldenburger Forscher. Dies sei ein Ausdruck einer bequemen Haltung, die Angst vor notwendigen Veränderung widerspiegelten.

Paech wünscht sich keine Ökodiktatur, sondern im Sinne der Aufklärung eigenverantwortliches Handeln der Menschen. Wachstumszwänge und grenzenloser Konsum mit Fliegen, Autos und Smartphones machten auch nicht glücklich. Es gehe ihm nicht um Askese, sondern um das Bewusstmachen, das man gar nicht so viel Konsum brauche. Weniger haben und gut leben, laute die Devise. Es gäbe eine „Konsumdepression“ und auch eine psychische Wachstumsgrenze: Das Gut „Zeit“ werde immer knapper, wir könnten all die Dinge, die wir kaufen, gar nicht mehr wirklich genießen. Wir müssten viel arbeiten, um uns etwas leisten zu können, um mithalten zu können. „Auf der anderen Seite beklagen wir seit Jahren den Anstieg von psychischen Krankheiten“.

Pasechs Postwachstumsökonomie sieht nach einem intelligenten Rückbau der Wirtschaft eine maßvolle Nutzung der Ressourcen Erde und Mensch vor: Stärkung von regionalen Wirtschaftskreisläufen und weniger arbeiten, mit dem Gewinn von mehr Zufriedenheit. Mit mehr Freizeit wäre dann Zeit da, gemeinschaftlich Sinnvolles zu tun: Dinge etwa in der Nachbarschaft gemeinsam nutzen und reparieren – vom Auto bis zum Rasenmäher.

Dazu gehören auch etwa Gemeinschaftsgärten oder Repaircafés, von denen es im Landkreis Leer inzwischen zwei gibt. Sie seien auf Anregung von Paech bei seinem ersten Vortrag in Leer vor drei Jahren entstanden, wie Zuhörer Hildebrand van der Spa vom Repaircafé Bunde sagte. „Sharingsysteme führen zu mehr sozialem Austausch. Man macht mehr Dinge selbst und muss weniger kaufen. Mit Rückkehr ins Mittelalter hat das nichts zu tun“, so Paech. Es gehe ihm nicht um die Abschaffung der Wirtschaft, sondern um eine bessere und ehrlichere Wertschöpfungskette für alle. Nur die meisten Politiker trauten sich nicht. „Wer nicht Wachstum predigt, wird nicht gewählt“, so Niko Paech. Es gäbe genug Projekte und Initiativen überall auf der Welt, die mutige Politiker bestärken können.