Weiteres Wachstum der Insel – die Lösung? Ein kleines Essay von Frederike Reiter und Eldert Sleeboom

Wer nach Borkum kommt, wünscht sich ein wenig Ruhe inmitten der Wogen. Ein wenig „Auf Borkum ist alles anders“. Das wollen wir Insulaner natürlich für uns selbst auch.

Aber wer mit offenen Augen durch die Straßen geht, kommt nicht drum herum, nicht nur das schöne sondern auch die wachsenden Probleme zu sehen. Urlauber sind gerne gesehen, schließlich bilden sie das wirtschaftliche Rückgrat der Insel.

Doch in der Hauptsaison, dem Jahreswechsel und den Feiertagen wird schnell klar: Die Menschenmassen bringen nicht nur Wohlstand sondern auch Probleme, wenn die Infrastruktur sich nicht schnell genug an den Tourismus anpassen kann.

Im März hat in Berlin die Internationale Tourismusbörse ITB die Tore geschlossen. Großes Thema: „Overtourism“, die Überforderung durch Massentourismus und wie man damit umgehen kann. Der Unmut gegenüber Touristen in Städten wie Venedig, Berlin oder Amsterdam ist schlecht für das Geschäft – natürlich, wer macht denn schon gerne die langersehnte Stadtführung und geht dabei an Anti-Tourismus-Graffiti vorbei? Wer möchte dazu beitragen Venedig zu versenken? Und trotzdem gehen wir hin, noch schnell, bevor es die Lagunenstadt nicht mehr gibt. „Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet.“, schrieb Hans Magnus Enzensberger schon Ende der fünfziger Jahre. Seitdem hat sich das Problem eher verschärft als entspannt. Ein Beispiel dafür ist die Maya Bay auf der thailändischen Insel Ko Phi Phi Leh. Nach dem die Bucht durch den Film The Beach im Jahr 2000 weltweit bekannt wurde besuchten täglich ca. 5000 Touristen den 250 Meter langen und 15 Meter breiten Strand. 80 Prozent der Korallenbänke wurden so zerstört. Daher wurde die Bucht letztes Jahr auf unbestimmte Zeit geschlossen.

Auch auf Borkum gibt es umweltbezogene Schwierigkeiten. Gerade die Themen der Ver- und Entsorgung, Wasser, Müll, Kanalisation, Personen- und Autoverkehr für die 2.527.398 Übernachtungen (im Jahr 2017) auf unserer 31 km² kleinen Insel sind hier zu nennen.

Der Borkumurlauber kommt, laut statistischer Erhebungen, wegen der Natur, dem Strand, der Dünen, guter Luft, Baden im Meer und Radfahren um dabei vom Alltag abzuschalten. Viele Gäste wollen Ruhe, Entspannung, Erholung und freundlichen Menschen begegnen. Was sie häufig in der Saison bekommen entspricht dem aber nur noch im Ansatz.

Wenn Insulaner eine Zeit lang auf dem Festland waren und zurückkommen, sind einige von uns schon auf der Fähre wieder zu Hause. Die Fährfahrt ist eine Pause vom Alltag, einfach mal entspannen und sich über die Wellen tragen lassen. So sollte auch der oder die BorkumurlauberIn ankommen dürfen. Doch beginnt der Urlaub immer öfter ganz anders: Menschenmassen steigen auf die Fähre, manchmal gibt es keine Sitzplätze mehr und gegessen wird dann auf dem Boden. Ob das den Sicherheitsstandards entspricht sei mal dahingestellt. Kommt man nach der Bahnfahrt – wenn denn alle Passagiere im Zug mitgekommen sind – im Stadtkern an, rollen keilförmlich die Rollkoffer, gefolgt von den Gästen durch die engen Gassen. Die Gäste selbst, teilweise noch etwas orientierungslos und gestresst auf der Suche nach ihrer Unterkunft, die arbeitenden Insulaner, unter Zeitdruck, tendenziell eher genervt, da ein Durchkommen gegen den Strom nicht mehr möglich ist.

Natürlich freuen wir uns über jeden Gast der auf die Insel kommt! Es sind lediglich die Massen, nicht die Einzelnen, die zum Problem werden. Auch Urlauber wünschen sich kein messemäßiges durch den Ort „Geschobenwerden“, kein langes Warten auf das bestellte Ostfriesenteekännchen im Café, keine tagelang vorher notwendige Reservierung für das Abendessen beim netten Borkumer Gastronom. Gerade auch in der Zeit bevor die Saison so richtig startet, z.B. in der Zeit der „Karnevalsflüchtlinge“ oder zur kurzen Hauptsaison zu Weihnachten und Silvester kommt die Insel der Nachfrage nicht hinterher. Von einem auf den nächsten Tag ist der Winterschlaf vorbei. Das Personal des Sommers fehlt, die Gästezahlen sind jedoch schon ähnlich hoch. Entspannung gibt es auf keiner Seite.

Werden die Tage wieder länger und die Kleidung endlich wieder leichter,

geht für viele Insulaner die Arbeit des Jahres los. Nicht nur für diejenigen, die direkt vom Tourismus leben, sondern auch für die Borkumer Handwerksbetriebe beginnt eine anstrengende Zeit. Zeit, die man gar nicht hat, denn das Zeitfenster, um die vielen Aufträge vor der Saison zu erledigen, wird immer kleiner. Für die Handwerker mündet das in immer mehr Überstunden, um alle zufrieden zu stellen.

Insulaner, die in der Tourismusbranche tätig sind, arbeiten im Sommer ohne Auszeit, mehr oder weniger durchgehend und haben erst im Winter Zeit für Erholung; Geld wird in der Saison verdient. Das hat natürlich auch Konsequenzen für das Familienleben. Von einigen hören wir, man habe sich als Kind und in der Jugend viel allein beschäftigen müssen. Die aktuellen Versuche, die Betreuung in den Ferien auszubauen, sind da ein guter Ansatz. Aber auch während der Schulzeit und in der Nebensaison fehlt es noch an Angeboten zur Freizeitbeschäftigung.

Auch die körperliche und psychische Gesundheit der Insulaner ist bei der Überlastung ein Thema. Stress kann Erkrankungen begünstigen. Klar, jeder ist für sich selbst verantwortlich, aber die Nachfrage bestimmt nun einmal das Angebot und mehr Gäste machen mehr Arbeit. Sollten oder können wir so weiter machen?

Mehr Touristen lösen unserer Meinung nach nicht wirtschaftliche Probleme, die wir in der Konkurrenz zu anderen Kurorten für die Zukunft sehen. Nicht mehr Gäste, nicht Quantität, sondern Qualität braucht Borkum. Keine Touristenflut – Flut kann die Nordsee doch schon ganz gut allein.

Bei der internationalen Tourismusbörse in Berlin berichten manche Städte, sie werden ihre Besucherzahl begrenzen, indem nur eine bestimmte Anzahl an Flügen, Kreuzfahrtschiffen o.ä. gestattet wird oder indem Eintritt in die Stadt genommen wird. Andere versuchten die Massen auf bisher weniger besuchte Bereiche umzulenken. Das funktioniert auf einer Insel nicht, und wirklich zu funktionieren scheint das bisher in den Städten auch nicht.

Borkums schöner Ortskern kommt an seine Grenzen, aber als Insel bleibt wohl keine Möglichkeit der Umlenkung unserer Gäste und ich wage zu bezweifeln, dass eine höherer Gästebeitrag zu signifikant weniger Besuchern führen würde. Welche Möglichkeiten gibt es dann noch?

Auf den holländischen Inseln und auch auf Norderney denkt man mittlerweile laut über eine Begrenzung der Bettenzahl nach.

Oft hören wir: „Die Gäste kommen gestresst hier an und gehen entspannt nach Hause“. Genauso sollte Tourismus laufen. Sammelt sich der Stress aber hier auf Borkum an, können wir dann damit noch umgehen? Wo ist unsere Grenze erreicht und wann begrenzt sich das System vielleicht von selbst? Wenn Gäste nicht mehr das vorfinden, wofür sie hergekommen, werden sie sich andere Ziele suchen. Was können wir tun, um Borkum weiterhin attraktiv zu halten? Wie sollten wir unsere Prioritäten setzen? Wo müssen wir und muss die Politik Grenzen setzen und leiten, damit wir langfristig und vorausschauend gut leben können, anstatt kurzfristig zu profitieren? Die Borkumer Grünen fragen sich, ist immer mehr, immer besser?

Höher, heller, schneller kann nach Meinung der Grünen nicht die Lösung sein.

Frederike Reiter und Eldert Sleeboom, Bündnis 90/Die Grünen.

 

Wir beziehen uns auf diesen Filmbeitrag

Norderney 2018

https://www.ndr.de/Das-neue-Norderney-,dienordstory958.html

Wilhelm Loth Tourismusdirektor Norderney: Auch auf den holländischen Inseln und auch Borkum denkt man mittlerweile auch laut über eine Begrenzung der Bettenzahl nach. Zu der schon überfüllten Insel kommen dann noch die Tagesgäste.